Bericht Fachgespräch „Zukunft der Gesundheitsversorgung in Thüringen“

Bericht Fachgespräch Gesundheit

Wie wichtig eine flächendeckende Gesundheitsversorgung für eine gerechte Gesellschaft ist, wissen wir nicht erst seit Beginn der Pandemie. Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung ist ein grundlegender Bestandteil der Daseinsvorsorge. Wir stehen vor erheblichen Herausforderungen, um dem demografischen Wandel, einem zunehmenden Fachkräftemangel und auch dem sich ändernden Versorgungsbedarf zu begegnen. Dazu fand am 16. Juni im Thüringer Landtag auf Einladung von Babette Pfefferlein, der gesundheitspolitischen Sprecherin der bündnisgrünen Landtagsfraktion, das Fachgespräch „Zukunft der Gesundheitsversorgung in Thüringen“ statt. Der Einladung folgten zahlreiche Gäste aus der Gesundheitswirtschaft.

Unserer gesundheitspolitischen Sprecherin Babette Pfefferlein ist dieses Thema ein besonderes Anliegen und sie eröffnete die Veranstaltung mit einem fachlichen Einstieg. Sie machte deutlich, dass im ländlich geprägten Thüringen viel Kooperation und Vernetzung nötig sind, um die Belange und Bedürfnisse aller Menschen im Blick zu behalten. Hierfür braucht es oft besondere Lösungen direkt vor Ort, um passgenau auf die Bedarfe zu reagieren. Sie lobte, dass es in Thüringen bereits ein gut funktionierendes Miteinander zwischen stationärer und ambulanter Versorgung gibt und viele gute Ansätze und Ideen, wie die Gesundheitsversorgung im ganzen Land auf Dauer sichergestellt werden kann. Und sie machte noch einmal sehr deutlich klar, dass sich medizinische Strukturen an der Demografie, den medizinischen Möglichkeiten und manchmal eben auch an der Topografie orientieren müssen.

Die sektorenübergreifende Versorgung gehört unbedingt dazu, aber der Ausbau und Nutzung der Telemedizin. Es muss hochspezialisierte und am Standort konzentrierte Medizin vorgehalten werden, flankiert von einer funktionierenden Infrastruktur und entsprechenden Notfallrettungskonzepten. Daneben aber muss die Hausärzt*in-, Zahnärzt*in- und Apothekenversorgung auf dem Land gesichert sein. Und sie definierte den Charakter der Veranstaltung: Sie solle eine Plattform bieten, um offen über sinnvolle Lösungen zur Sicherung der flächendeckenden und passgenauen Gesundheitsversorgung ins Gespräch zu kommen und die bereits bestehenden Ansätze und Ideen zu diskutieren. Diesem Anliegen kamen die Gäste des Podiums und das Publikum in den folgenden Stunden gern nach.

Auch unsere Fraktionsvorsitzende Astrid Rothe-Beinlich begrüßte die über 50 Teilnehmer*innen sowie die Referent*innen und machte deutlich, dass es für uns außer Zweifel steht, dass eine gute und gerechte Versorgung der Gesellschaft ein für alle zugängliches, gut erreichbares und gut ausgestattetes Gesundheitswesen braucht. Darüber hinaus betonte sie, dass gerade durch die Pandemie deutlich geworden ist, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland strukturell wie inhaltlich weiterentwickelt werden muss, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen Stand zu halten.

Für die Moderation konnten wir Hanno Müller gewinnen, Reporter der Thüringer Allgemeinen. Viele Artikel aus seiner Feder befassen sich mit Themen aus dem Gesundheitsbereich. Er leitete in den nächsten Teil der Veranstaltung über. Auf dem Programm standen zunächst Fachinputs der eingeladenen Referent*innen, um aus unterschiedlichen Perspektiven auf die heutigen und künftigen Herausforderungen der Gesundheitsversorgung zu blicken.  

Die erste Referentin war Kordula Schulz- Asche. Sie ist Mitglied des Deutschen Bundestages und Fachfrau für Gesundheits-, Pflege- und Altenpolitik und berichtete über die Gesundheitspolitik auf Bundesebene. Es wurde deutlich, dass für sie insbesondere die Kooperation und enge Zusammenarbeit von Bund und Ländern eine wichtige Rolle auf dem Weg hin zu mehr flächendeckender Gesundheitsversorgung spielt. Der wesentliche Schwerpunkt liegt für die Politikerin dabei auf der Auflösung vom strikten Sektorendenken. Außerdem forderte sie einen Platz für die professionelle Pflege in Entscheidungsgremien und machte deutlich, dass die Übereinkommen des Koalitionsvertrags der Bundesregierung tatsächlich die Aufwertung der Pflegefachkräfte und medizinisches Fachpersonal ermöglichen.

Nachfolgend kam die Landesgeschäftsführerin der BARMER, Birgit Dziuk, zu Wort. Sie bescheinigte Deutschland ein grundsätzlich gutes Gesundheitssystem, aber eben auch Verbesserungsbedarfe. Ihrer Meinung nach braucht es für diese Veränderungen proaktive Weiterentwicklungen und Bedarfsanalysen, um Modellregionen planen zu können. Sie betonte insbesondere die Wichtigkeit der sektorenübergreifenden Planung und das Zusammendenken von ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung. Einen wichtigen Schritt in Richtung der Umsetzung forderte sie hierbei von der Politik in Form von bundesweiten gesetzlichen Standards. Sie warb für regionale Versorgungszentren, die unter einem Dach ambulante und stationäre Versorgung, Telemedizin und Gesundheitsdienste anbieten.

Dr. Helmut Hildebrandt präsentierte daraufhin die Arbeit der OptiMedis AG. Das Hamburger Unternehmen beschäftigt sich mit der Konzeptionierung und Realisierung innovativer Versorgungsformen. Die Vision des Unternehmens ist es, integrierte regionale Versorgungsmodelle zu schaffen, die auf die Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung ausgerichtet sind. Für ihn war klar, dass die veränderten Anforderungen im Gesundheitsbereich vermehrt organisatorische Leistungen verlangen. Ein wichtiger Schritt ist die Möglichkeit des Einsatzes von Telemedizin, Community Health Nurses wie der Thüringer „TeleVerah“, die vor Ort Ansprechpersonen sind. Dabei war seiner Meinung nach zentral, dass neue Strukturen in bereits bestehenden eingebunden werden müssen.

Eingeladen war auch Christopher Kaufmann von der Stiftung Landleben, der mit dem Verein „Landengel“ ein Konzept zur Vernetzung von medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Leistungen im Unstrut­-Hainich­-Kreis umsetzt. Zum Konzept gehören sowohl generationsübergreifende Wohnprojekte als auch sogenannte „Gesundheitskioske“. Ziel ist es, ältere Menschen auf dem Dorf vor Isolation zu bewahren und Unterstützung zu bieten, um den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit im Alter zu ermöglichen. Die Gesundheitskioske bilden hierbei eine Art Ortszentrum, in dem neben Gesundheitsversorgung und Beratung auch Austausch ermöglicht wird. Der Gesundheitsexperte stellte fest, dass diese Ideen mit dem Hintergrund der veränderten Versorgungslage auf sehr großes Interesse stoßen und neue Formen des Zusammenlebens auf dem Land gefragt sind.

Nach einer kleinen Pause, die bereits zum intensiven Austausch genutzt wurde, ging es mit einer Podiumsdiskussion weiter. Die Ausführungen aus den Kurzvorstellungen des ersten Teils waren die Grundlage der lebhaften Diskussion, die Raum für Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum bot. Zunächst wurde die Bedeutung von kurzfristigen Projekten und fehlender Vernetzung thematisiert. Babette Pfefferlein stellte hierzu klar, dass Projekte mit Modellcharakter zwar hilfreich sind, aber in ihrer Kurzfristigkeit nicht ausreichen können, um den Herausforderungen einer künftig guten Gesundheitsversorgung langfristig zu begegnen. Sie betonte, dass deshalb die Vorträge der Referent*innen wichtige Ansatzpunkte für neue Strukturen bieten.

Ein zweites großes Thema war der Fachkräftemangel, der in allen Bereichen spürbar ist. Podiumsgäste und Publikum waren sich einig, dass auf den bestehenden Strukturen aufgebaut und neue Anreize geschaffen werden müssen. Hier waren die Podiumsteilnehmer*innen der Meinung, dass den mobilen Pflege-Angeboten eine größere Bedeutung zugemessen werden muss. Diese sollten gezielt gefördert werden, um auf dem Land eine gute Versorgung zu gewährleisten. Das kann, so nach Meinung des Publikums, ebenfalls eine Entlastung der Hausärzt*innen schaffen. Noch einmal wurden die Community Health Nurses von den Teilnehmer*innen als sinnvolles und notwendiges Konzept hervorgehoben, das Beratung und Prävention bietet. Klar gestellt wurde aber ebenso, dass es für diese Lösungen eine angemessene Finanzierung braucht.

An diesem Punkt richtete sich die Diskussion daran aus, welche Institutionen, Ämter und Versorgungseinrichtungen für die Menschen auf dem Land und speziell für die flächendeckende Gesundheitsversorgung zuständig und verantwortlich sind bzw. in die Pflicht genommen werden können. Podium und Publikum diskutierten intensiv verschiedene Konzepte, Lösungsansätze und –vorschläge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. In den meisten der engagierten Redebeiträge wurde die Rolle einer aktiven und sektorenübergreifenden Versorgungsplanung als unabdingbar für die zukünftige Versorgung benannt. Aus dem Publikum wurde mehrfach die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme sowie konkrete Regelungen auf der Landesebene gefordert. Babette Pfefferlein machte noch einmal deutlich, dass gerade regionale Versorgungsverbünde in ländlichen Regionen die Hürden zwischen ambulanter und stationärer Versorgung überwinden können.

Zum Ende der Veranstaltung bat der Moderator Hanno Müller die Initiatorin des Fachgesprächs, Babette Pfefferlein, um ein Schlusswort. Unsere Abgeordnete bedankte sich zunächst bei allen Anwesenden für das große Interesse und die Einblicke in die Praxis. Als Fazit stellte sie klar, dass allen das Ziel klar ist: eine gute und flächendeckende Gesundheitsversorgung in Thüringen. Allerdings auch, dass es viele unterschiedliche Wege und Herangehensweisen dorthin gibt und dazu noch immenser Gesprächsbedarf besteht. Die Veranstaltung und das hohe Interesse der zahlreichen Gäste würdigte sie als wichtigen Anstoß auf dem Weg zu sinnvollen Lösungen. Den Bitten aus dem Publikum, dieser Veranstaltung weitere Themengespräche folgen zu lassen, wird Babette Pfefferlein gern nachkommen.

 

Wir bedanken uns herzlich bei den Referent*innen Kordula Schulz- Asche, Birgit Dziuk, Dr. rer. medic. h. c. Helmut Hildebrandt und Christopher Kaufmann, bei Hanno Müller für die tolle Moderation sowie bei allen Teilnehmer*innen für die anregende, konstruktive und spannende Debatte.

 

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