Femizide in der Berichterstattung | Bericht vom 4.3.2021

In Europa stiegen in den letzten Jahren sowohl die Zahlen von Gewalt gegen Frauen als auch von Femiziden. Deutschland ist keine Ausnahme dafür. Fast jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner umgebracht.

Zu häufig berichten die Medien verharmlosend über schwere Formen von Gewalt gegen Frauen. Gewalt gegen Frauen oder Mord einer Frau werden als „Familiendramen“, „Familientragödien“, „Streitigkeiten“ oder „Eifersuchtsdramen“ dargestellt. Doch es handelt sich in diesen Fällen nicht um „Beziehungsstreitigkeiten“ - sondern um geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen.

Unsere Abgeordneten Laura Wahl, frauen- und gleichstellungspolitische Sprecherin unserer Fraktion und Madeleine Henfling, innenpolitische Sprechern sowie Sprecherin für Digitales organisieren seit letztem Jahr in einer Reihe Online-Veranstaltungen zum Thema Häusliche Gewalt. In der Veranstaltung am 04. März ging es um häuslicher Gewalt und Femizide in der Berichterstattung. Eingeladen war die Politik- und Medienanalytikerin, Frau M.A Maria Pernegger aus Österreich. Sie stellte die Ergebnisse ihrer Studie - „Gewalt gegen Frauen – Analyse der Berichterstattung über Gewaltdelikte an Frauen und die Rolle der Medien“ – vor.

„Mir ist es wichtig zu sagen, dass ich Frauen nicht in der Opferrolle sehe, sondern die Gesellschaft in der Verantwortungsrolle. Das war auch der Anlass für die Studie", startete Pernegger ihre Präsentation. Zunächst zeigte sie einige Zahlen aus der Europäischen Union zu Gewalt gegen Frauen. Darunter war auch der Fakt, dass 1 in 5 Frau schon körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben und überdies 1 von 20 Frauen bereits vergewaltigt wurden. Für Menschen, die sich nicht intensiv mit der Thematik befassen, können diese Zahlen sehr überraschend sein. Dazu erklärt die Medienanalytikerin: „In der öffentlichen Debatte hört man nicht so viel darüber [Gewalt gegen Frauen]. Es handelt sich nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein übergroßes gesellschaftliches Problem und muss sichtbar gemacht werden.“ Gewalt gegen Frauen ist aber nicht nur in den Medien tabuisiert, sondern auch allgemein in der Gesellschaft. Die Tabuisierung der Gewalt gegen Frauen in Österreich ist, laut Pernegger, sehr stark von den Werten der Katholischen Kirche beeinflusst „es herrscht der Glauben, dass wir in einer heilen Welt leben, wo solche Grausamkeiten nicht existieren - so werden viele wichtige Themen als Tabu angesehen.“

Österreich ist bei der Zahl der Frauenmorde in Europa im traurigen Spitzenfeld. Diese Tatsache hat Pernegger auch zu der Studie motiviert. Sie wurde gemeinsam mit der österreichischen Volksanwaltschaft und dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz durchgeführt. Für ein Jahr wurden sechs österreichische Massenmedien jeden Tag analysiert. „Wenn man sich ansieht, wie berichtet wurde, ist die Gewalt gegen Frauen sichtbar, wenn es zum Mord oder Mordversuch kommt oder wenn es um sehr aggressive Fälle geht.“

Bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse, unterscheidet Pernegger die Medien in zwei Kategorien: die Boulevardmedien und die so genannten „Qualitätsmedien“. Gerade die Boulevard Medien berichten sehr häufig über Einzelfälle mit persönlichen Geschichten verbunden. Darüber hinaus sind 97 Prozent der Berichterstattungen in den Boulevardmedien in einer reißerischen Weise geschrieben. Die Berichterstattung der Qualitätsmedien ist dagegen oft differenzierter. Sie betrachten die Gewalt gegen Frauen als ein gesellschaftliches Problem.

Was ist mit reißerischen/ voyeuristischen Bericht gemeint?

Ein reißerischer/voyeuristischer Bericht zielt auf Aufmerksamkeit um jeden Preis ab. Damit werden zum einem die grundsätzlichen journalistischen Grenzen, zum anderem die ethischen Ansprüche, die damit verbunden sind, komplett überworfen. Diese Berichte beinhalten bestialische Einzelheiten um Begeisterung im negativen Sinne zu schaffen. „In diesen Berichten wird den Tätern eine übergroße Bühne gegeben, in dem er als Monster dargestellt wird“, erklärt die Medienanalytikerin.

Ein weiteres Problem in der Berichterstattung ist die Viktimisierung von Frauen. Hierbei werden Frauen in der Opferrolle gedrängt. „In solchen Berichten befinden sich Frauen in einer Situation, in der es weder eine Lösung noch Auswege geben kann“, erläutert Pernegger. Zusätzlich spricht sie über die Unsichtbarkeit Frauen aus gesellschaftlichen Rahmengruppen. „Obwohl Frauen mit Behinderung sehr häufig von Gewalt betroffen sind, spielt dies keine Rolle in der Medienberichterstattung. Frauen mit Behinderung sind in den Medien unsichtbar.“

Unpassendes, unsensibles Wording oder falsche Tatbenennung kommen auch oft bei der Berichterstattung vor. Es gibt bestimmte Formulierungen, die die Tat verharmlosen oder zumindest ein falsches Bild geben. „Es ist wichtig, über Gewalt gegen Frauen zu berichten. Es zu benennen wie es ist: Kein Familiendrama sondern ein Frauenmord“, so Pernegger. In ihrer Studie konnte Pernegger weiterhin feststellen, dass häufig eine Erotisierung der Verbrechen oder eine Umkehrung der Opfer/ Täter-Rollen zu sehen war. Verbrechen werden erotisiert, in dem eine Vergewaltigung als Sex dargestellt wird. Zu der Umkehrung der Frau in die Täterrolle sagte Pernegger: „In den Medienberichten ist eine Trennungstötung durch den verlassenen Mann nicht gerechtfertigt, aber irgendwie schon nachvollziehbar, weil die Frau den Mann provoziert hat oder ihn verlassen hat. Dagegen ist ein Ehrenmord durch Fremde außerhalb des Nachvollziehbaren.“

Verantwortung der Politik

Pernegger argumentiert, dass nicht nur die Medien Verantwortung zum Thema übernehmen müssen, sondern auch die Politik. Dazu erklärte sie: „Obwohl es 2018 einen Rekord an Femiziden in Österreich gab, hat sich die Politik fast überhaupt nicht mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auseinandergesetzt. Stattdessen haben sie sich intensiv mit dem Thema Kopftuch beschäftigt.“ Als die Zahlen veröffentlicht wurden, hat sich die Situation aber geändert. „Anfang 2019 hat die Regierung schnell ein Gewaltschutzprojekt gebündelt. Einerseits wegen dem Druck aus der Öffentlichkeit, andererseits aufgrund der so hohen Zahl an ermordeten Frauen in einem kleinen Land wie Österreich. Hier sieht man, dass die Politik ein sehr wichtiges Thema ausblenden kann“, so Pernegger. Darüber hinaus, behauptet sie, dass auch die Pandemie Themen ausblendet „In der öffentlichen Diskussion geht es „nur“ um eine Gesundheits- oder Wirtschaftskrise, aber das Ganze hat auch gesellschaftlich politische Wirkungen, insbesondere für die Frauen.“

Nachdem Frau Pernegger einen Überblick über die Probleme in der Berichterstattung gegeben hat, konstatierte sie, dass ein Bericht über Gewalt gegen Frauen auch positive Wirkungen haben kann, wenn Prävention und Aufklärung dabei sind. Dazu sagte sie: „Die Frage ist: Was kann man tun? Wie können Medien einen positiven Beitrag leisten? In 11 Prozent der untersuchten Fälle, gab es zumindest Hinweise, an wen sich Frauen bspw. bei häuslicher Gewalt wenden können - das ist eine Möglichkeit ..." Mit dieser Aussage eröffnete sie die Fragerunde.

Die Teilnehmer*innen hatten die Möglichkeit sowohl an der Diskussion teilzunehmen als auch Fragen an Frau Pernegger und an unsere Abgeordneten zu stellen. Wir bedanken uns bei Maria Pernegger, für den spannenden Vortrag und Input und bei allen Teilnehmer*innen für die spannende Diskussion und freuen uns auf die nächste Veranstaltung zur Thematik.