Fachgespräch zu Prostitution und Sexarbeit

„Wie soll man nach Hause gehen, wenn man kein zu Hause hat?“ fragt Casper Tate vom Netzwerk Trans*Sexworks und macht damit auf die kritische Situation von Sexarbeiter*innen und Prostituierten aufmerksam. Diese wurde durch die Corona-Auflagen noch verschlimmert. In unserem Fachgespräch zu Prostitution und Sexarbeit diskutierte unsere gleichstellungspolitische Sprecherin Laura Wahl mit Mario Zimmermann von der Polizei Thüringen, Stefanie Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen, Rene Karber vom Unimedia Service und Heike Köttner vom Madonna e.V. Bei der Debatte im Augustinerkloster wurde deutlich, wie stark der Bedarf für rechtliche und soziale Anerkennung des Berufes und eine unabhängige Beratungsstelle in Thüringen ist.

Das faktische Verbot von Prostitution aufgrund der Corona-Pandemie hat viele Sexarbeiter*innen in Existenznöte gebracht. Doch eine Beratungsstelle, an die sich Betroffene hätten wenden können, existiert nur in einem einzigen Bundesland noch nicht: Thüringen. Mehr noch, Thüringen ist das letzte Bundesland, in dem das 2016 vom Bundestag erlassene Prostituiertenschutzgesetz noch nicht in Landesregeln umgesetzt wurde. Nicht nur deshalb war die Situation von Prostituierten und Sexarbeiter*innen schon vor der Krise prekär und hat sich nun nochmals deutlich verschlimmert. Rene Karber, Betreiber einer Werbeagentur zu deren Kund*innen auch Prostituierte gehören, berichtete, dass das faktische Berufsverbot manche Sexarbeiter*innen in existenzielle Notsituationen trieb und sie sich teilweise kein Essen mehr leisten konnten. Casper Tate von der Organisation Trans*Sexworkers machte in seinem Grußwort vor allem auf die Situation von trans* Sexarbeiter*innen aufmerksam, welche aufgrund verbreiteter Diskriminierung noch seltener als ihre Cis-Kolleg*innen Zuflucht im Ausland finden konnten und stattdessen ihre Arbeit im rechtsunsicheren illegalen Bereich ausführen mussten, um sich über Wasser zu halten. Auch die Polizei würde durch eine solche Beratungsstelle entlastet werden, wie Mario Zimmermann von der Landespolizeidirektion Thüringen mitteilte. Denn wenn derzeit Fälle von illegaler Prostitution oder sogar Menschenhandel auftreten, sei es an der Polizei, auch eine geeignete Unterkunft und Betreuung für die betroffene Person zu organisieren, damit diese nicht plötzlich alleine auf der Straße steht. Bei solchen Fällen könnte eine Beratungsstelle, die deutlich mehr Fachwissen aufweist, der Polizei helfend zur Seite stehen.

Gemeinsam mit Podiumsteilnehmer*innen und dem Publikum wurden konkrete Ideen entwickelt, wie eine Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen aussehen kann. So sollten neben einer Ausstiegsberatung auch Möglichkeiten der Professionalisierung und Beratung zu Sozialleistungen oder rechtlichen Angelegenheiten, wie z.B. steuerlichen Abgaben, angeboten werden, meinte Heike Köttner. Sie arbeitet in der Beratungsstelle des Vereins Madonna e.V. in Bochum. Ganz aktuell wäre auch eine Unterstützung bei der Entwicklung von Hygienekonzepten angebracht. Frau Klee vom Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V. ergänzte, dass eine Beratungsstelle auch einen großen Beitrag für Sexarbeiter*innen zur Aufklärung über ihre Rechte leisten könne, denn „stark sein muss man gegenüber Kunden, Kolleg*innen, Bordellbetreiber*innen und auch gegen über der Polizei“. Nur gebe es keine Ausbildung für Prostituierte, wo diese auf die Durchsetzung ihrer Rechte vorbereitet werden. Eine Zuschauerin stellte fest, dass das Personal einer Beratungsstelle vor allem Rechtskenntnisse und Fremdsprachenkompetenzen aufweisen sollte, da viele Frauen aus dem Ausland kommen und die lokale Rechtslage aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht verstehen können. Hier gibt es zum Glück bereits ein gutes Online-Dolmetscher*innensystem des Thüringer Migrationsministeriums, das Ämter und Beratungsstellen in Thüringen kostenlos nutzen können. Auch Beratung zu Altersvorsorge und nachhaltiger Existenz sind wichtige Themen für Sexarbeiter*innen und sollten angeboten werden.

An die Politik richteten sich an diesem Abend viele Forderungen. Mario Zimmermann betonte, dass endlich die Thüringer Verordnungslage endlich geregelt werden müsse, damit die Polizei einen klaren Rahmen für ihr Handeln anwenden kann. Die Sexarbeiter*innen wünschten sich Anerkennung der Politik, keine Stigmatisierung, und Unterstützung in allen Bereichen. Die gleichstellungs- und frauenpolitische Sprecherin Laura Wahl, nahm diese Forderungen auf. Wir als bündnisgrüne Fraktion, setzen uns nun im Thüringer Landtag dafür ein, dass Gelder für eine Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen im neuen Haushalt eingeplant werden. Es muss ein Konzept für Zuständigkeiten entwickelt werden, wo die neue Beratungsstelle angesiedelt wird und ein Träger gefunden, der die Beratungsstelle leitet

Wir bedanken uns bei allen Podiumsteilnehmer*innen sowie den zahlreichen Gäste für das Interesse zum Thema und ihre eingebrachten Perspektiven.