"Die Objektifizierung und Reduzierung aufs Körperliche nervt"

Nyke Slawik

Wir interviewen die Trans*-Aktivistin Nyke Slawik.

 

Nyke Slawik ist Trans*-Aktivistin aus Nordrhein-Westfalen, engagiert sich bei der GRÜNEN JUGEND und kandidierte im Landtagswahlkampf für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Wir sprechen mit ihr über den Kampf um Gleichberechtigung und wieso die Reduzierung aufs Körperliche nervt.

 

Kürzlich wurde die Öffnung der Ehe beschlossen. Für die queere Community galt das als ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung. Wie hast du diesen Beschluss aufgefasst?
Nyke Slawik: Ich habe noch heute Tränen in den Augen, wenn ich an die Bilder vom Konfettiregen im Bundestag und an den überglücklichen Volker Beck denke. Es wurde viel kommentiert, wie Volker am Ende noch vor Ablauf seiner letzten Legislaturperiode sein Lebenswerk erreicht habe. Das mag in Teilen stimmen, aber in vielerlei Hinsicht hinterlässt er doch auch ein Erbe, das nachfolgende Generationen übernehmen müssen. Fast genauso lange schon kämpfen wir zum Beispiel für eine Reform des Transsexuellengesetzes.


Das Verfassungsgericht hat die Einführung eines dritten Geschlechts gefordert – ebenfalls eine schon lange formulierte Forderung der Community. Hast du das Gefühl, es bewegt sich was in Sachen Gleichstellung?
N.S.: Jein. Mittlerweile gibt es mehr Aufklärung bei den Themen Trans*- und Intergeschlechtlichkeit. Aber es ist bedauerlich, dass Menschenrechtsfragen im LSBTTIQ*-Bereich zunehmend nur noch vom Bundesverfassungsgericht bearbeitet werden, weil die Konservativen im Bund Gleichstellungsfragen blockieren. Ich freue mich allerdings sehr über die Entscheidung, einen dritten, positiven Geschlechtseintrag zu ermöglichen – ärgere mich aber über die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ in der Berichterstattung. Geschlechter lassen sich schlecht zählen, weil geschlechtliche Selbstdefinitionen vielfältig sind. Bei der dritten Eintragungsoption wird die Herausforderung sein, eine Bezeichnung zu finden, unter der sich alle wiederfinden. Hier müssen die Betroffenen in den Prozess einbezogen werden.


Im aktuellen Bundestag und in vielen Landesparlamenten ist mittlerweile die AfD vertreten, die eine homo- und trans*phobe Politik vertritt und u.a. die „Zählung von Homosexuellen“ gefordert hat. Wie siehst du diese Entwicklung?
N.S.: Als Frau - als transidente Frau - könnte ich mich nicht weniger vom neuen Bundestag repräsentiert fühlen. Mit dem Einzug der AfD, sitzen nun nicht nur rassistische und menschenfeindliche Positionen in diesem Bundestag. Die AfD markiert – neben dem Wiedereinzug der FDP – eine gefährliche Dominanz rückschrittiger, reaktionärer Männerbünde, die den Frauenanteil im Parlament mit 30 Prozent auf ein 20-Jahrestief gerissen haben. Der Einzug der AfD, die mit Begriffen wie „Genderwahnsinn“ und queerfeindlichen Aussagen auf sich aufmerksam macht, ist ein herber Rückschlag für die Queerpolitik. Wir werden daher in den nächsten Jahren eine noch stärkere Anwältin für Menschenrechte und alle, gegen die die AfD hetzt, werden müssen.


Du selbst hast für den Landtag in NRW kandidiert – als erste Trans*frau in Deutschland. Glaubst du, dass dadurch das Thema wieder mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden konnte?
N.S.: Naja, ich war die erste, die sehr offen damit umgegangen ist und tatsächlich Aussichten auf den Einzug hatte. Gerade in den Zeiten des Rechtsrucks war es mir wichtig, auch mit diesem Teil meiner Identität präsent zu sein und die Aufmerksamkeit zu nutzen, um queerpolitische Themen in die politische Debatte einzubringen. Leider ist es im Bezug auf trans* Personen noch immer üblich, über sie statt mit ihnen zu sprechen. Viele gehen in Deutschland nicht so offen mit dem Thema um, weil sie keine Lust haben, auf diesen Aspekt ihrer Identität reduziert zu werden. Es gibt leider noch immer große Stigmatisierungen, unangenehme Sensationslust und auch offene Anfeindungen.


Wenn es um Trans*gender geht, gibt es eine Frage, die dich nervt? Welche und wie reagierst du?
N.S.: Die Objektifizierung und Reduzierung aufs Körperliche nervt. Die Leute interessieren sich für Hormone, Operationen und auch sexuelle Aspekte und merken teilweise gar nicht, wie grenzüberschreitend und erniedrigend diese Perspektive sein kann. Ich bin niemandem eine Coming-Out-Story oder eine Berichterstattung über meine Genitalien schuldig. Für mich stehen menschenrechtliche Fragen im Vordergrund meines Engagements.


Mat hat manchmal das Gefühl, dass ein Teil der Gesellschafft immer noch zu wenig weiß und daher die Forderungen der Trans*gender-Community nicht nachvollziehen kann. Wie war das in deinem Umfeld?
N.S.: Viele sind einfach in ihren Vorurteilen gefangen. Im Fernsehen begegnen einem trans* Frauen oft nur als Prostituierte oder Mordopfer. Andere verwechseln es mit Drag und denken trans* Personen seien aufmerksamkeitssüchtige Show-Sternchen. Dahinter steckt der verbreitete Irrglaube, dass sei alles selbstgewähltes Drama. Es gab Menschen, die sich nach meinem Outing von mir abgewandt haben und solche, die sich über mich lustig gemacht haben. Aber der Großteil hat zu mir gehalten, weil sie gemerkt haben, dass es wichtig ist, Menschen wachsen und sie selbst sein zu lassen.


In welchen Bereichen siehst du noch Nachholbedarf?
N.S.: Den gibt es leider auf allen Ebenen. Am wichtigsten ist mir, dass trans* Personen als selbstbestimmte Akteur*innen im gesellschaftlichen Leben ankommen – nicht nur als Objekte, die zur Schau gestellt und begafft werden.


Was macht dir Mut, dass sich in diesem Bereich etwas bewegen wird?
N.S.: In der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie ist in den letzten Jahren geradezu ein Trans-Hype ausgebrochen. Was vor 20 Jahren homosexuelle Charaktere waren, die leider noch immer stark unterrepräsentiert sind, sind jetzt trans* Personen. Großartig ist daran, dass viele trans* Personen vor und hinter der Kamera mitwirken. Ich hoffe, dass dieser Effekt nicht verpufft, sondern trans* in Film & Fernsehen einfach gelebte Normalität wird. Für Betroffene ist das auf jeden Fall eine Ermutigung, die eigene Identität repräsentiert zu sehen. Außerdem gibt es auch transidente Journalistinnen, die im englischsprachigen Raum die Debatte voranbringen. Im deutschsprachigen Raum fehlt das noch.


Leider werden Gender-Themen oft ins Lächerliche gezogen oder als unwichtig abgetan. Bezeichnend ist die Debatte um Toiletten. Was wünschst du dir für eine inhaltliche Debatte? Und wie kann man dazu kommen?
N.S.: Die sexistische Vorstellung, Frauen gehören an den Herd, ist heute richtigerweise weitestgehend verpönt, hat sich aber lange hartnäckig gehalten. In manchen Angelegenheiten brauchen wir Geduld und wir brauchen laute Stimmen, die immer wieder auf bestehende Missverhältnisse aufmerksam machen. Es bleibt auch unsere demokratische Aufgabe, Empathie zu zeigen, uns in andere Lebenssituationen hineinzudenken und zu mahnen, dass alle Menschen zwar nicht gleich, aber gleich an Rechten sind. Nicht zuletzt braucht es Solidarität, vor allem unter Frauen und LSBTTIQ*-Personen, weil die Argumente, mit denen wir versucht mundtot gemacht zu werden, oft dieselben sind und darauf abzielen, die Privilegien Einzelner zu sichern.

 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Nyke!

 

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