Wir GRÜNE sind davon überzeugt, dass allgemein bioethische Überlegungen zum verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit Tieren auch dort umgesetzt werden müssen, wo eine landwirtschaftliche Tierhaltung erfolgt. Deshalb stellt die Förderung des Tierwohls einen integralen Bestandteil grüner Landwirtschaftspolitik dar.

Hierbei spielt die Massentierhaltung eine zentrale Rolle. Obwohl dieses Problem noch nicht hinreichend wissenschaftlich untersucht und durch entsprechende Studien belegt worden ist, lassen sich doch einige Zusammenhänge von hohen Bestandsgrößen und einer Verschlechterung des Tierwohls angeben. Untersuchungen zeigen, dass große Anlagen gegenüber kleinen und mittleren Betriebsgrößen die Tendenz aufweisen, die Tiergesundheit stärker zu beeinträchtigen (s.a. „Tierwohl – auch eine Frage der Bestandsgröße!“ von Eckehard Niemann aus: Der kritische Agrarbericht 2016). Es ist ein Fakt, dass die Nutzungsdauer der Milchkühe mit zunehmender Bestandsgröße abnimmt, da die Tiere dem Stress nicht gewachsen sind. Abnehmende Betreuungsintensität, schlechtere Immunabwehr (Haltungs- bzw. Leistungsstress) und höherer Erregerdruck können hier als mögliche Ursachen angenommen werden.

Neben dieser allgemeinen Tendenz gibt es weitere Faktoren, die eine Deckelung der Bestandsgrößen im Sinne des Tierwohls erforderlich machen. So finden z.B. Spaltenböden in der Massentierhaltung breite Anwendung, welche für die Tiere ein Verletzungsrisiko darstellen. Dieses Risiko besteht in Ställen mit einer Stroheinstreu nicht; die Tiere finden hier vielmehr einen weichen und trockenen Boden vor; außerdem entsteht so der ökologisch sehr viel hochwertigere Festmist. Allerdings ist der logistische und arbeitstechnische Aufwand für den Betrieb eines solchen Einstreustalls sehr hoch. So verwundert es kaum, dass in der Massentierhaltung fast ausschließlich die effektiver zu bewirtschaftenden Spaltenböden zur Anwendung kommen.

Hinzu kommt, dass Schweine, die auf solchen Böden keine ausreichenden Wühlmöglichkeiten vorfinden, artfremde und kannibalistische Verhaltensweisen entwickeln: Sie beißen sich gegenseitig in ihre Ohren oder ihre Ringschwänze ab. Daher war und ist es in der Massentierhaltung bei Schweinen notwendig, die Schwänze abzuschneiden. Diese schmerz- und stressauslösenden Eingriffe können vermieden werden, wenn u.a. auf Stroheinstreu zurückgegriffen wird. Dies ist praktisch allerdings bislang nur in kleineren Ställen gute Praxis, für große Anlagen gibt es derzeit kein sinnvolles Konzept zur Einstreu und Entmistung.

Ein weiterer Zusammenhang von Tierwohl und Bestandsgröße wird offensichtlich, wenn Kühen Weidegänge ermöglicht werden sollen. Weidegänge bedeuten nicht nur mehr Bewegung für die Tiere, sondern auch eine natürliche Vitamin-D-Bildung und die Möglichkeit, dass die Tiere ihr Futter auf der Weide selbst auswählen können. Der Weidegang hat jedoch – wie der Einstreustall – logistische Grenzen. Ab einer gewissen Bestandsgröße ist ein Weidegang für die Tiere praktisch nicht mehr realisierbar, da die Entfernung, die die Tiere täglich zurücklegen müssten zu groß wird. In ähnlicher Form existiert das Problem auch in der Hühnerhaltung.

Schließlich sei auch auf den Zusammenhang von Tiertransporten und Massentierhaltung verwiesen. Massentierhaltung bedeutet aufs Ganze betrachtet Konzentration auf wenige Einheiten in der Fläche. Die logische Konsequenz sind mehr und längere Tiertransporte. Jeder Transport bedeutet für die Tiere Stress. Deshalb fordern wir die Begrenzung von Tiertransporten auf maximal vier Stunden bzw. 200 Kilometer - dies befördert nicht nur eine regionalere Struktur der Landwirtschaft, sondern auch kürzere Verkehrs- und Transportwege, was schließlich den Stressfaktor verringert.

In der Massentierhaltung sind Maßnahmen, die dem Tierwohl zuträglich sind, strukturell Grenzen gesetzt. Wenn sich Massentierhaltung und Tierwohl aber nur schwer oder gar nicht vereinbaren lassen, dann wird es Zeit, nicht das Tierwohl, sondern die Massentierhaltung strukturell zu begrenzen.